"100km-Duathlon" ... rund um Dresden

Von weitem hörte ich schon das Dampfroß schnaufen

Fünf mal 20 Kilometer, vier Fahrräder, drei Männer, zwei Frauen und ein Achim, der sein Fahrrad auch ein Jahr nach der Schenkung fleißig nutzt.

Von Thomas "Wutti" Wuttig

Wochenende im Mai und kein OL, auch das gibt es. Und es ist nicht langweilig. Kein Reisestreß, keine vollen Autobahnen, fast keine blöden Autofahrer. Trotzdem endlose Diskussionen über die Route, über Verirrungen und Wirrungen am Waldmax, über wirklich blühende Landschaften und rennende Frauen mit  Rucksack („Dresdner Durchläuferinnen“), steile und anstrengende Anstiege, Zieleinläufe, Überholmanöver, schieben, keuchen, fluchen, schwitzen, fast Schon auf dem Asphalt schleifende Zungen, fehlenden Schatten und gnadenlose Sonne, begeisterte Anfeuerer und miesepetrige Passanten, „Leichtfüßler“, "Putzen, Backen, Fegen“, schwächelnde „Power Rangers“, Gerds endlose Fröhlichkeit, seine ehemaligen ihn anerkennungsvoll beglückwünschenden Schüler, 16,66 km/h (!) Durchschnittsgeschwindigkeit für den Ersten, Fleischfasten von Fleischbergen … und lecker Zuckerkuchen.
Dieses Jahr sollte eine eigene TU-Mannschaft an den Start gehen. Sonni war letztes Jahr so begeistert von der netten kleinen Runde um Dresden, dass sie es mühelos schaffte, uns zu begeistern. Ein kurzer Aufruf im Forum und die Truppe stand. Stephan schwärmte ebenfalls seit Jahren davon, ich wollte immer mal dran teilnehmen, Frank mit Kirstine und uns laufen und Kirstine Dresden von „oben“ sehen. Leider habe ich danach vergessen nachzufragen, wie er war - der Blick natürlich. So richtig locker sah er oben nämlich nicht immer aus. Zeit war auf der Runde allemal genügend zum ausgiebig Schauen und Schwatzen und Späße machen mit den Fotografen von „Laufkultur“ sowie den Teilnehmern aus anderen Teams oder Zuschauern und Passanten am Rande.

Die Wegführung führte entlang der Geschichte der umliegenden ehemaligen Eisenbahnen, ließ uns die Apfelblüte um Borthen erleben, die Geschichten an die legendären Borsbergläufe (der OLer) einmal ein Stück rückwärts denken, über zu geparkte Straßen am Fußballplatz von Weißig den Kopf schütteln, über städtisch verordnete Enteignung durch Frösche und Kröten (unmittelbar nebenan) lachen. Sie zeigte uns, wie groß und schön die Dresdner Heide wirklich ist und nicht nur aus Fischhausparkplatz und näherer Umgebung besteht. Sie führte uns in der Gartenstadt Hellerau entlang der Wiege der industriellen Massenfertigung von Holzhäusern, verwirrte und verirrte nicht nur uns völlig am Waldmax, betäubte unsere Ohren mit einem schauerlichem Schlager-Blasmusik-Lärm in Kötzschenbroda, zeigte uns neue, fertige Brücken ohne Zufahrtsrampen direkt neben dem einst ersten und größten und immer noch im Betrieb befindlichen Pumpspeicherkraftwerk Europas und letztendlich natürlich auch unsere Grenzen beim Laufen und Radeln auf.

Die Flotten Feger und zehn Schmierstreifen in der Sonne

TU-Orientierungsläufer - der Name reißt zwar keinen vom Hocker, dafür aber mit uns um Dresden und die Welt. Einfach genial ist dagegen doch „Putzen,Backen, Fegen“. Und das waren flotte Feger, in jeder Hinsicht. ...’Schuldigung Sonni und Kirstine, es geht hier wirklich nur um den Teamnamen. Ihr wart die Größten, Schnellsten und Schönsten auf der Strecke, ihr seid einmalig. Ich wiederhole es auch gern noch einmal.
Schon kurz nach dem Start, im ersten Waldstück, verloren wir uns aus den Augen und Frank seine Kette vom Rad. Als ich beide dann wieder sah, schien es vielleicht doch ein wenig heftiger zugegangen zu sein. Aber vielleicht hatte Frank tatsächlich auch nichts zum Abwischen der mit Kettenschmiere verklebten Hände im feuchten Gras gefunden, dass Kirstine ihm freundlicher Weise ihren Rücken lieh. Der glänzte jetzt jedenfalls mit zehn Schmierestreifen in der Sonne, fünf nach links und fünf weitere fein säuberlich nach rechts wegziehend.

Als wir an der Hummelmühle das Lockwitztal querten, hörte ich es von vorn her laut und schwer schnaufen. He, die Jacke, der darauf sitzende Igel und den daneben her geschobenen Drahtesel mit Unterschriften verzierten großen roten Packtaschen kannten wir doch? Sonst so redegewandt, kam gerade kein Wort über seine Lippen, ganz wie beim OL. Dafür schien er aber auf Grund der nicht mehr ganz so geringen Neigung des Weges ordentlich zu kochen. Wie das eben bei Dampfrössern so ist auf der schiefen Ebene. Allerdings wahrscheinlich auch kein Wunder, im Ziel hörte ich dann was von Fleischfasten (!).

Unser Express, zwar nicht ganz vergleichbar mit einem ICE, aber allemal zuverlässiger und mit perfekter Neigetechnik in den Kurven, war schnell am schon etwas betagten Dampfroß vorbei. Doch das ließ nicht locker. Bergab hat es einfach auf Grund seiner Masse mehr zu zusetzen als unser leichter Express, und musste dadurch auch nicht mehr so viel schnaufen. So waren wir ab jetzt eben zu sechst, jedenfalls erst mal bis zum nächsten Anstieg hinter Graupa.

Ein Dampfross ohne Wasser im Kessel und mit zu wenig Kohle im Ofen

Sonni lag mir schon eine Weile in den Ohren, mein Rad sei so schwer, und sie will unbedingt den Berg hoch rennen und fuhr vor zum Wechsel. Ich legte der Weile erst mal den leckersten staubtrockenen Schokoladen-Haferkeks der ganzen Welt auf meine Zunge, dem ich auf Grund der nett dahergereichten Weise nicht widerstehen durfte. Soviel Zeit und Mühe wie sich die Familie beim Backen dafür gemacht hatte, brauchte ich wenigstens auch, um selbigen Keks ohne Spucke während des Laufens aufweichen, kauen und runterschlucken zu können. Vielen Dank, er schmeckte wunderbar. Etwa 500 Meter weiter, am Wechsel auf Sonni, genoss ich ihn jedenfalls immer noch, eben einfach vorzüglich.

Jetzt lichteten sich unsere Reihen erst mal mächtig. Ganz oben in Zaschendorf hatte Sonni etwa drei bis vier Minuten auf Kirstine und Frank herausgelaufen. Und das Dampfroß? Ja das Dampfroß sahen wir erst etwa 15 Kilometer weiter, irgendwo zwischen Radeberg und Langebrück, wieder. Und das schnaufte, schnaubte und schniefte von übel(st) steilen Anstiegen, über fehlendes Wasser im Kessel und von zu wenig Kohle im Ofen.

Schon in der Dresdner Heide überholte ich kurz nach dem Wechsel von Frank auf mich die ebenfalls gerade gewechselte Läuferin von den flotten Fegern aus „Putzen, Backen, Fegen“. Sie wollte gern mitgenommen werden. Ich wollte sogleich um ihre Hand anhalten, leider wollte sie dann doch nicht so schnell mit.

Der Rote Punkt mitten auf der Kreuzung und eine Rübe mit Zug

Durch Hellerau sollten wir dem Roten Wanderweg (Roter Punkt) bis zur Baumwiese nach Radebeul folgen, also doch Orientierungslauf. Unsere Stärke. Hier werden wir Stunden gut machen. Und tatsächlich, es war nicht ganz so einfach. Der Rote Punkt, war nicht an jeder Kreuzung zu sehen, manchmal war er auch ein gelber oder ein grüner Strich. Und es ging da munter hoch und runter und links und rechts und kleine Pfade und viel Sand und manchmal Hüpfen und Wurzeln und Steinchen…, und dann waren auch keine gelben und grünen Striche mehr da und nur noch ein einziger Roter Punkt. Wo geht es jetzt lang? Eine Kreuzung kurz unterhalb des Waldmax, mitten drauf ein Roter Punkt und lauter abgehende Wege. Ich rannte und wollte halb rechts den ganz schmalen sandigen Weg weiter. Das war die logische Richtung zur Baumwiese, Stephan wollte den etwas breiteren, weniger sandigen Weg mehr in Richtung Heidefriedhof weiter. Sonni wollte jetzt wechseln und rennen. Sie wäre jetzt eh’ dran gewesen und Kirstine und Frank noch nicht zu sehen. Also Wechsel und ab in die falsche Richtung. Da half auch hinterher rufen und fahren nichts.

Weg ist weg nach dem Wechseln. Apropos weg, wo war mein Helm? Am Lenker hing Sonnis und mir zog es mächtig an der Rübe, als ich so über die Wurzeln den Berg runter sauste. Verdammte Schei#e, Also wieder hoch. Habt ihr meinen Helm gesehen? Ja, ja, der liegt noch da vorn. Wir dachten Du brauchst ihn nicht mehr, bekam ich „leichfüßig“ zu hören. Dann kam aber auch schon einer angefahren mit dem guten Stück, so dass mir die letzten zehn Meter erspart blieben.
Als ich dann an der Baumwiese war, hatten Sonni und Co. scheinbar doch irgendwo im Wald noch mal die Kurve gekriegt. Sie kamen jetzt jedenfalls alle aus der richtigen Richtung. Unseren sechsten Mann, dass Dampfroß, hatten wir mittlerweile wieder ganz aus den Augen und vor allem Ohren verloren. Offensichtlich schien es ganz weit weg mächtig vor sich hinzuschnaufen. Auch war wohl eine der unzähligen Weichen in der Neuen Heide speziell für Dampfrösser direkt nach Dresden gestellt worden, so dass wir es erst im Gymnasium Plauen wieder lustig schnaufen und pfeifen hörten.

Gut zwei Drittel der Runde waren jetzt geschafft. Es ging durch Radebeul zur Elbe und von dort über den Elbradweg nach Kötzschenbroda, über die Eisenbahnbrücke nach Niederwartha zum letzten richtig langen Anstieg hoch nach Oberwartha. Sonni hatte fast schon wieder Panik und raste los, den Berg hochzuschleichen. Bei einem Drittel wechselte etwa Frank auf mich. Eine Minute später erklärte mir Sonni, dass wir uns wahrscheinlich vor dem Ziel nicht mehr sehen. Sie hatte fast Knoten in den Füßen von der unablässig schnellen Kurbelei mit den Pedalen. Ich beruhigte Sie ein wenig. Da lauf’ ich halt eine Minute länger. Zwischendurch gab es noch eine kleine Verpflegungsstelle, so dass ich sogar die Muse hatte, noch ein klein wenig Tee zu trinken. Und siehe da, starke Frauen auf schnellen Rädern voran, rechtzeitig vor dem vereinbarten Wechsel war Sonni da, so dass es sogar noch zu einem kleinen Schwätzchen reichte.

Jetzt waren es nur noch um die zehn Kilometer bis Buffalo, und wir schwebten, schmerzenden Schritts und Tritts getragen von verhärteten Waden unablässig gen Dresden-Plauen. Neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei Kilometer noch. Da war doch noch was zu holen. Gut 200, 300 Meter vor uns schlichen noch andere rein nach Dölzschen. Na dann mal voran, die kriegen wir noch, wäre doch gelacht. Und umgehend wurde unser Masterplan für den Zielsprint geschmiedet. Wechselzeit verkürzen, Tempo machen und Sonni ins Ziel rennen lassen.
Meine siebente Etappe dauerte damit nur etwa acht, neun Minuten. Stephan zog dann gleich vorbei und Sonni das Tempo hoch bis zum Ziel. Platz 19 nach 7:31:18 Stunden angefeuert vom lustig schnaufenden und quietschenden Dampfroß und Beifall vieler Zuschauer vor uns schon eingelaufener Teams beim Zieleinlauf waren unser Lohn für die Mühen in der Ebene und den Hügeln rund um und in Dresden.

Jetzt galt es erst einmal abzuklatschen – „100“ war das Stichwort, dann hörte ich Zuckerkuchen, Bier und Würstchen und ich glaubte meine Ohren nicht zu trauen „Fleischfasten“. Das war neu. Also ich habe ja schon zu Ohren bekommen, das Dampfrösser gelegentlich kurz vor Wettende das leckerste Mineralwasser von Dresden benötigen, aber noch nie, dass eine Wurst oder ein Klops oder ein Steak abgelehnt und geächtet wurden. Also Achim, Du bereitest uns langsam Sorgen.

Gerd wurde von ehemaligen Schülern (!) zu seiner in seinem „hohen Alter“ doch noch so erstaunlichen Fitness, Ausdauer und Schnelligkeit beglückwünscht(!). Wir freuten uns beim ersten Mal alle heil und munter angekommen, schneller als die Urgesteine um Gerd und die jungen Hüpfer (OL-Nachwuchs aus Sachsen) um
Sascha („Power Rangers“) zu sein. Meine, nein unsere aller Hochachtung gilt der Leistung der reinen Damenmannschaften, der Leistung des zeitschnellsten Teams (6:00:05 h = ca. 16,66 km/h) und natürlich der Leistung aller überhaupt und nicht zu vergessen unseres vegetarischen Dampfrosses Achim. Vielen Dank natürlich auch allen Helfern und Sponsoren für die gelungene Veranstaltung.

Artikel erschienen in der Zeitung "Cunnersdorf" Nr. 32 am 14. November 2009, hier veröffentlich mit der freundlichen Erlaubnis des Autors